Donnerstag, 5. Mai 2011

Vor Ort

Der folgende Beitrag stammt nicht von mir. Nein, der Tommes04 hat ihn geschrieben. Tommes04 war gestern im Stadion, im Old Trafford. Ich habe ihn gefragt, ob er nicht von seiner Reise und dem drumherum erzählen möchte. Und ja, er wollte. Danke nochmal dafür. Aber jetzt seht selbst:

Manchester United. Was für ein klangvoller Name. Erinnert sich noch jemand an den Aufstieg aus der 2.Liga, Anfang der 1990er Jahre, als Charly Neumann, sicherlich nicht ganz nüchtern, sinngemäß herumposaunte: „Und jetzt kann auch Inter Mailand kommen, die putzen wir auch noch“? Naja, wer hätte sich das damals wirklich vorstellen können: Manchester United. Als Gegner. Nicht etwa in einem Freundschaftsspiel oder einer Qualifikationsphase, sondern im Halbfinale der Champions League.

Dienstag Nachmittag ging es los. Nach dem Motto, die Chance, die wir nicht haben, die nutzen wir nun. In Köln traf ich meine Sitznachbarn aus der Arena und dann ging es mit Zwischenlandung in München nach Manchester. München? Da war doch mal was? Ich meine jetzt nicht das Endspiel 1999 in Barcelona, sondern den Absturz der Maschine in München, in der die Mannschaft von Manchester United saß. Dieses Ereignis scheint rund um Old Trafford noch allgegenwärtig zu sein. So ist nicht nur ein Zugangsweg an der Haupttribüne als „Munich Tunnel“ bezeichnet – im Stadion hängt auch eine alte Uhr, die mit „Munich“ untertitelt ist und auf der die Zeit stehengeblieben ist zur Uhrzeit des Absturzes. Fußball-England hat schon viele Katastrophen erleben müssen – München, Bradford, Heysel, Sheffield – und lebt das Gedenken an diese Katastrophen. Mir imponiert so etwas.

Wir kamen leider etwa spät in der City von Manchester an, so dass die Suche nach offenen Gaststätten sich als erstaunlich schwer herausstellte. Das einzige, was wir trafen, waren verzweifelte, durstige Schalker, die auf der Suche nach offenen Pubs waren. An einem Dienstag Abend gegen Mitternacht dürfte es sogar in Gelsenkirchen mehr offene Kneipen geben. Naja.

Spieltag. Das ganz besondere Schalke-Europa-Feeling. Die schon von blauweißen volle Stadt wird immer voller und verleiht Manchester so etwas wie das Gefühl, dass am Abend historisches ansteht. An jeder Ecke, in jedem Pub, auf jedem Platz, in jeder Bahn sieht man sie, die angereisten Königsblauen. Rote sieht man indes kaum, aber ist ja auch nachvollziehbar: An Heimspieltagen in der Woche sitze ich in der Regel tagsüber auch vor dem Schreibtisch, anstatt an der Theke. Auswärts hingegen, im Kreise der Schalke-Familie, lebt man. Es ist ein herrliches Miteinander, man trifft neue Gesichter und ist sich gleich vertraut, denn man teilt einen wichtigen Lebensinhalt, den blau-weißen Virus. Neue Freunde konnte man ebenfalls in Hülle und Fülle treffen: Die Manchester City-Anhänger. Ich kann gar nicht mehr zählen, in wie viele Glück wünschende Umarmungen ich mit zweifelhaften bulligen Stiernackeninhabern musste.

Gemeinsam redet man sich die Situation schön. Ich mache fleißig mit und behaupte, dass United uns unterschätzen, nur mit einer C-Elf auflaufen wird, Huntelaar und Höwedes wieder fit sind und wir mit einer Portion Glück das Wunder schaffen werden. Keiner will mir widersprechen, obwohl jeder weiß, dass ich objektiv Unsinn rede. Aber Unsinn, an den ich in diesem Moment glauben will.

Genug den Auswärtssieg herbeigeredet und Verabredungen für Wembley getroffen, jetzt geht es auf nach Old Trafford. Die Straßenbahn bringt uns zügig dorthin. Alles ist ohnehin gut organisiert. Kein Vergleich zu Spielen in Spanien oder Italien. Der größte Unterschied zu den Spielen dort: Die Polizei gibt einem nicht das Gefühl, ein Schwerverbrecher zu sein. Man kann mit der Situation offensichtlich umgehen und schickt, nicht wie in Valencia, einige Hundertschaften ungebildeter Söldner in Kampfmontur in die Stadien, sondern sich normal verhaltende, freundliche Polizisten. Hut ab für diese Souveränität. Das setzte sich auch im Stadion fort. Auch wenn die Fluchtwege völlig verstopft waren, die Schalker im Spiel Bengalos zündeten – keine rüdes Einschreiten der Ordnungskräfte, alles ging sehr, sehr entspannt zu.

Das „Theatre of Dreams“ war im Europareisen-Vergleich eines Schalkers auch ganz weit vorn. Ein schönes Fußballstadion mit Vor- und Nachteilen. Es ist schön anzusehen, von außen wie von innen. Die Kapazität ist angemessen für einen Top-Club Europas und auch die Akustik sorgt für pure Fußballatmosphäre. Die Nachteile: Es ähnelt von innen viel zu sehr dem Lüdenscheider Pestfalenstadion. Hier wie dort hat man als oben sitzender Gast mit einem tiefen, schrägen Dach zu tun, das die Sicht auf die gegnerischen Blöcke total einschränkt. Allerdings ist die Sicht trotz der Entfernung zum Spielfeld allemal besser als in Lüdenscheid, es wirkt auch nicht sooo fehldimensioniert. Die Aufgänge zu den Oberrängen sind auch alles andere als schick, kühle Betonfassaden und hunderte Treppen, bis man oben ist. Das scheint aber auch europäischer Standard zu sein; ich behaupte, dass die, die ohne Puste oben ankamen nicht in Valencia dabei waren... Es gab keine vernünftige Anzeigetafel, sondern nur ein einzeiliges LED-Band, da sind wir wohl zu verwöhnt. Alles in allem aber gleichwohl eine prima Location, um Geschichte zu schreiben.

Gespannt war ich auf den Support der United-Fans. Und der war so, wie ich es erwartet habe. Vor dem Spiel gleich Null. Man kommt erst mit dem Anpfiff. Ein paar Minuten vor dem Anpfiff werden einige Songs eingespielt, zu denen die Masse mitsingt. Könnte man jetzt sagen, die brauchen einen Einspieler, aber so was „brauchen“ wir ja wohl auch, nur dass die bei uns Capo heissen. Im Spiel zumindest in der ersten Halbzeit war nicht viel zu hören. Praktisch nur bei den Toren und kurz danach, während der Schalker Support im Prinzip durchging. Allen war letztlich bewusst, dass man auch gegen die C-Elf von United wenig ausrichten kann, dass man aber stolz auf das bislang erreichte sein kann und sollte. In der zweiten Halbzeit erschien mir der Support von United besser zu werden. Wenn, dann war es immer unglaublich laut und stimmungsvoll. Es gibt keine „Fanblöcke“ wie bei uns. Wenn gesungen wird, tut es das ganze Stadion mit Inbrunst. Es ist also schon sehr anders als bei uns. Am innovativsten war ein Chant, der mich ein wenig an „Vindaloo“ erinnerte und von „Wembeley“ handelte, also dem Einzug ins Finale. Das war ein kleiner hörenswerter Dauerbrenner in der zweiten Halbzeit. Insgesamt also so, wie man es aus England kennt. Kein Dauer-Singsang, wenig Aktion, aber wenn, dann laut.

In den Schalker Blöcken der gewohnte Dauersupport, der sich recht laut anhörte, aber das ist kein Maßstab, wenn man selbst inmitten dessen ist. Man feierte sich im Prinzip selbst. Völlig in Ordnung in dieser Situation. Auf die Bengalos kann man hingegen verzichten, ebenso auf irgendwelche Böller. Mag ja sein, dass es schön aussieht und Stimmung macht. Feuerwerk ist ja auch toll, mache ich aber nur, weil es toll ist, auch nicht in meinem Wohnzimmer.

Das Spiel habt Ihr alle gesehen, dazu muss ich nicht mehr viel sagen. Wenngleich ich nicht so enttäuscht bin, wie es das Ergebnis vermuten lässt. Spielerisch sah es wesentlich besser aus als noch im Hinspiel; hinten führten individuelle Fehler zu den Gegentoren, im Zug nach vorne fehlte die Durchsetzungskraft. Noch viel Arbeit für den Rolf, aber als alter Berufsoptimist bin ich sicher, dass die nächste Bundesliga-Saison nicht so eine Katastrophe wird wie die nun ablaufende.

Schade nur, dass wir nicht wieder United sehen werden. Vielleicht wird’s ja gegen City was. Strengt Euch also bloss gegen Duisburg an! Ich will weiter reisen!


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